Vernässte Feuchtgebiete sind essenziell für die Biodiversität und für den Klimaschutz mindestens so wichtig wie Wälder. Ein Blick auf die weiche Superkraft.
Text: Heinz Staffelbach
Moore haben in den vergangenen Jahrhunderten eine erstaunliche «Karriere» durchlaufen. Immer wieder standen Moore für einen etwas schaurigen und unheimlichen Ort, und unzählige Dichter und Literatinnen haben dieses Bild in ihren Werken verwendet. Es gab sogar Zeiten, in denen hingerichtete oder geopferte Menschen, vor allem im nördlichen Europa, im Moor «entsorgt» wurden (um Jahrhunderte danach perfekt konserviert wieder gefunden zu werden). Später blickten die Menschen bedeutend pragmatischer auf Moore, und vielerorts in Europa waren sie willkommene Lieferanten von Torf, mit dem man die Hütten und Häuser und Höfe heizen konnte. Das war auch in der Schweiz noch bis weit ins 20. Jahrhundert gang und gäbe.
Zahlreiche Moorseen, die sich später in den ausgehobenen Mulden bildeten, sind noch heute Zeuge dieses einstigen Torfabbaus. In den letzten Jahrzehnten jedoch hat sich der Blick auf den Wert von Mooren geändert.
Da ist einmal die Biodiversität, also die Vielfalt an Arten und Lebensräumen. Moore sind ja ein sehr interessanter Lebensraum. Sie bestehen vor allem aus Torfmoosen, hier und dort mit etwas Sauergräsern und Zwergsträuchern. Speziell ist nun aber, dass der Wasserstand, sei es durch Regen- oder Bodenwasser, stets so hoch ist, dass die abgestorbenen Pflanzenteile im sauerstoffarmen und eher sauren Wasser nicht abgebaut werden können. Jedes Jahr kommt so eine neue Schicht abgestorbener Pflanzenteile da zu, so dass ständig etwas neuer Torf gebildet wird. Moore sind damit quasi Lagerstätten für abgestorbene Pflanzen.
Dieser Lebensraum bietet unzähligen Pflanzen und Tieren ein Zuhause, und unter ihnen finden sich viele seltene Arten wie die Zwiebelorchis, der Langblättrige Sonnentau oder die Grosse Moosjungfer. Eindrücklich ist der Dunkle Moorbläuling: Er legt seine Eier ausschliesslich in die Knospen des Grossen Wiesenknopfs; zudem ist er auf Nester der Roten Gartenameise angewiesen, in denen die Tagfalterraupen überwintern. Dass die Menschen die Moore in der Schweiz als Naturraum schützen wollen, hat sich bereits in den späten 1980er-Jahren gezeigt, als sie die Rothenthurm-Initiative angenommen haben.

Typische Moorpflanze: Das Sumpfblutauge (Potentilla palustris) in einem Torfmoosteppich. (Foto: Ariel Bergamini, WSL)
Moore speichern viel Wasser, und damit sind sie im Wasserhaushalt einer Landschaft von grosser Bedeutung. Fällt viel Regen, kann ein Grossteil davon vom Moor zurückgehalten werden, so dass die Gefahr für Hochwasser in tiefer gelegenen Regionen geringer ist. Studien haben gezeigt, dass Moore bei Starkregen fünfmal mehr Wasser aufsaugen können als Wiesen. In den vergangenen Jahren schliesslich haben wir Menschen nochmals eine neue Facette des ökologischen Wertes von Mooren entdeckt: den Klimaschutz. Denn Moore speichern in ihrem aufgehäuften Torf riesige Mengen von Kohlenstoff. Um den Zusammenhang mit dem Klima zu verstehen, braucht es einen kleinen Exkurs in die organische Chemie.
Kohlenstoff, also das Element C, bildet das Grundgerüst aller organischer Moleküle, also aller Moleküle in Lebewesen, seien es Proteine, Kohlenhydrate oder Fette.
Sogar unsere Zähne und Haare bestehen grossteils aus dem Element Kohlenstoff – ebenso wie Torfmoose, Sträucher und Bäume. So weit so gut.
Das Problem für das Klima beginnt dann, wenn diese Lebewesen sterben. Dann wird der Körper abgebaut, und der Kohlenstoff entweicht in der Form von Kohlendioxid (CO2 ) in die Atmosphäre. Und dieses Kohlendioxid wirkt als Treibhausgas – es hält also die Wärme, die von der Sonne stammt, in der Atmosphäre zurück, so dass sich diese langsam aufheizt. Das selbe passiert mit Erdöl oder Erdgas – solange sie im Boden sind, sind sie harmlos; sobald sie aber verbrannt werden, schweben sie als CO2 in der Atmosphäre und heizen diese auf. Moore sind also, auf eine klimatechnische Art, nichts anderes als gebundenes CO2 respektive Treibhausgase, die gespeichert werden.
Wächst ein Moor, indem es jedes Jahr etwas abgestorbenes Torfmoos ablagert, kann es so Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernen. Baut sich ein Moor ab, indem es etwa austrocknet und die Moose an der Luft abgebaut werden, entweicht die organische Substanz in Form von CO2 in die Atmosphäre und heizt das Klima an. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern sind in den Landwirtschaftsböden auf ehemaligen Mooren in der Schweiz noch immer etwa 30 Millionen Tonnen Kohlenstoff gebunden. Wird hier Landwirtschaft wie bis her betrieben, könnten aus diesen Böden etwa 100 Millionen Tonnen CO2 entweichen.
Wälder bedecken 30 Prozent der Erdoberfläche und haben damit eine enorme Bedeutung für den Klimaschutz. Das Erstaunliche ist nun aber: Obwohl Moore nur 3 Prozent der Erdoberfläche bedecken, also zehnmal weniger als der Wald, speichern sie doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder. Das erklärt sich damit, dass die Torfschicht im Moor Dutzende Meter dick sein kann; in Griechenland gibt es gar Moore, die eine 200 Meter dicke Torfschicht aufweisen.
Es ist aber nicht nur der gelagerte Kohlenstoff in Mooren, der klimarelevant ist. Intakte Moore, die jedes Jahr etwas wachsen, können riesige Mengen CO2 aus der Luft aufnehmen und später, im abgestorbenen Torf, lagern.
Hochmoore können jährlich bis zu 8 Tonnen CO2 pro Hektar aufnehmen, bei Niedermooren können es sogar 16 Tonnen CO2 sein.
Damit ist klar: Moore sind ungemein wertvoll für den Klimaschutz. Und es ist wichtig, dafür zu sorgen, dass sie nicht austrocknen (denn dann würde das CO2 wie der freigesetzt) und, im besten Fall, dass sie weiter wachsen und CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen können.

Spezielle Lebensbedingungen: Bergföhren-Hochmoor im Entlebuch LU (Foto: Ariel Bergamini, WSL)
Doch wie geht es den Mooren in der Schweiz eigentlich? Leider nicht gut. In den letzten 200 Jahren sind beinahe 90 Prozent der Moore zerstört worden, vor allem wurden sie trockengelegt, um Landwirtschaftsland zu gewinnen. Aber auch Torfabbau für Heizzwecke oder für den Gemüseanbau hat ihnen geschadet. Eine Studie des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) hat zudem ergeben, dass zwischen 1997 und 2017 die Qualität der Moore in vielen Gebieten abgenommen hat – sie trocknen aus, sind überdüngt und verbuschen. Und dies trotz verfassungsmässigen Moorschutzes.
Da kommt natürlich die Frage auf: Kann man ein Moor auch wiederbeleben und regenerieren? Am wichtigsten bei solchen Projekten ist es, die Moore wieder zu vernässen und die Zufuhr von Nährstoffen zu unterbinden. Solche Pilotprojekte laufen in verschiedenen Kantonen, etwa Zürich, Bern und Aargau. Oder im Hochmoor Siebenbrünnen auf der Schwägalp unterhalb des Säntis; hier wurden Entwässerungsgräben gefüllt und Spundwände eingezogen.

Renaturiertes Moorgebiet: Torbemoos bei Bremgarten AG. (Foto: Ariel Bergamini, WSL)
Solche Projekte den Fachleuten zu überlassen, ist das eine. Aber kann man auch selbst etwas tun, um die Moore zu schützen? Um der Vertrocknung von Mooren entgegenzuwirken, hilft es offensichtlich, einen klimafreundlichen Lebensstil zu pflegen. Das bedeutet, möglichst wenig fossile Brennstoffe durch Auto- und Flugreisen oder eine Ölheizung zu verbrauchen, weniger Fleisch zu essen und generell sparsamer zu konsumieren.
Wer einen Garten oder Balkon hat, sollte auf torffreie Erde achten – hier gibt es inzwischen viele gute Ersatzprodukte. Doch taugen die auch etwas? Kaum ein Gärtner möchte aus gutem Grund auf Torf verzichten und dies mit einem Garten bezahlen, in dem kaum etwas gedeiht. Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), hat verschiedene Ersatzprodukte getestet, und zwar auf ihre ökologische und soziale, aber auch auf ihre gartenbauliche Qualität. Von allen untersuchten Ersatzprodukten haben aufgearbeitete Holzfasern, TEFA (Ersatzprodukt aus Maisstroh) und allenfalls auch Rindenkompost gut abgeschnitten. Landerde und Holzhäcksel können dabei als Zusatzstoffe eingesetzt werden.
Einen komplett neuen und vielversprechenden Ansatz beim Thema Torfersatz gehen hier einige innovative Landwirte in Deutschland. Sie versuchen, Torf anzubauen, und zwar auf wiedervernässten Mooren. Auch in Deutschland sind etwa 90 Prozent der Moore entwässert und werden landwirtschaftlich genutzt. Die Idee ist nun, auf landwirtschaftlich genutzten Mooren die Grasnarbe zu entfernen, sie wieder zu vernässen und auf ihnen Torfmoose anzubauen – diese Methode nennt man Paludikultur.

Auch der Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia) ist eine typische Moorpflanze
Dazu muss in trockenen Perioden Wasser zugeführt werden; alle drei bis fünf Jahre kann man dann den neuen Moosrasen ernten. Die Flächen, die heute so genutzt werden, sind allerdings noch sehr klein und können die Nachfrage bei Weitem nicht decken. Neben den Sphagnum-Moosen als Torfersatz können auch Tierfutter (Segge, Rohrglanzgras), Baustoffe (Schilf, Rohrkolben) und medizinische Pflanzen (Sonnentau, Fieberklee) gewonnen werden – ein Gewinn für Mensch, Biodiversität und Klima.
