Mit einem dröhnenden Kopf ist man nicht mehr leistungsfähig. Doch mit einigen Veränderungen lässt sich ein Arbeitsplatz migränefreundlich gestalten.
Text: Anja Rech
Pulsierende starke Kopfschmerzen, dazu heftige Übelkeit und Lichtempfindlichkeit, so dass man das Tageslicht durchs Fenster nicht mehr erträgt – das sind typische Symptome einer Migräne-Attacke. Kein Wunder, dass Betroffene während eines solchen Anfalls nicht mehr konzentriert oder überhaupt nicht mehr arbeiten können. Das Problem: Migräne ist im erwerbstätigen Alter am häufigsten. Damit sorgt sie für erhebliche volkswirtschaftliche Schäden – die sich durch einen migränefreundlichen Arbeitsplatz eindämmen lassen würden.
In der Schweiz leiden 1,2 Millionen Menschen an der neurologischen Krankheit, in Deutschland rund 18 Millionen. Bei Frauen ist sie dreimal häufiger als bei Männern und trifft knapp 20 Prozent der Frauen. «Die meisten Kopfschmerztage treten zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr auf – wenn die Betroffenen mitten im Beruf stehen», sagt Privatdozent Dr. Charly Gaul vom Kopfschmerzzentrum Frankfurt am Main. Stark betroffene Patientinnen können mehrere Attacken pro Monat oder gar pro Woche haben; diese können bis zu drei Tage anhalten. Einer Untersuchung in der Schweiz zufolge zählen Kopfschmerzen und Migräne zu den Beschwerden, die am Arbeitsplatz am relevantesten sind.
«Migräne betrifft einen von sieben Arbeitnehmern und ist die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit», betont Dr. Colette Andrée, Geschäftsführerin der Patientenorganisation Migraine Action. «Damit verursacht diese Krankheit einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden, der für die Schweiz allein wegen des Arbeitsausfalls auf insgesamt 500 Millionen Franken jährlich geschätzt wird.» Migraine Action arbeitet mit anderen Patientenorganisationen und wissenschaftlichen Kopfschmerzorganisationen aus ganz Europa zusammen. Dank dieser Zusammenarbeit konnte Dr. Andrée als Neurowissenschaftlerin die Daten zu Vorkommen, Auswirkungen und Kosten von Kopfschmerzerkrankungen in einer europaweiten Studie belegen.
Manche Betroffene müssen aufgrund ihrer Erkrankung ihre Arbeitsstelle wechseln oder sind in ihrer Karriere eingeschränkt. Migräne bedeutet jedoch nicht, dass die Betroffenen im Job weniger effektiv sind, denn das Migräne-Gehirn ist aussergewöhnlich leistungsfähig. So schnitten Menschen mit Migräne in einer Studie in der Zeitschrift «Neurology» bei kognitiven Tests besser ab als Gesunde.
«Durch unsere Krankheit sind wir ausserdem sehr diszipliniert und können unsere Zeit gut einteilen», betont Dr. Andrée, die selbst betroffen ist. Denn ein disziplinierter, gleichmässiger Lebensrhythmus mit regelmässigen Essenszeiten, ausreichend Schlaf und Bewegung hilft, die Häufigkeit der Kopfschmerz-Attacken zu reduzieren. «Im Job arbeiten die meisten aus der Not heraus im Voraus, damit wir von einer Attacke, die uns lahmlegt, nicht unvorbereitet getroffen werden.»

Haben Arbeitgebende ein offenes Ohr für die Problematik, lässt sich manches davon durch eine Umstrukturierung des Arbeitsplatzes sowie eine veränderte Organisation der Arbeit vermeiden. Um dies zu verbessern, informierte die Fachgesellschaft SKG letztes Jahr über das Projekt «Migränefreundlicher Arbeitsplatz» (migraine friendly workspace), Teil des Swiss Brain Health Plans. Es basiert auf einer Kampagne der Europäischen Migräne- und Kopfschmerz-Allianz EMHA, die Unternehmen mit einem Siegel als «migränefreundlich» auszeichnet. Die Schweizer Organisation Migraine Action startet zudem, ebenfalls im Rahmen des Swiss Brain Health Plans, eine Website für Arbeitnehmende und Auszubildende mit Migräne sowie für Arbeitgebende unter www.migraene-am-arbeitsplatz.ch.
Bestandteil der Kampagne für einen migränefreundlichen Arbeitsplatz sind drei «E»: Empowerment, Environment sowie Engagement.
Empowerment (Befähigung): Durch Informationen sollen Betroffene lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Die sogenannte Edukation ist Bestandteil einer umfassenden (multimodalen) Migräne-Behandlung. Denn wer mehr über seine Krankheit weiss, hat nachweislich eine höhere Lebensqualität. Dazu zählt, eine Attacke früh zu erkennen und optimal zu behandeln. Um einen gesunden Lebensstil zu fördern, können beteiligte Unternehmen etwa Entspannungsübungen in der Mittagspause anbieten.
Environment (Umgebung): Bei einer Migräne-Attacke ist es am hilfreichsten, sich in einen dunklen, ruhigen Raum zurückzuziehen und sich hinzulegen. Dafür können Betriebe einen Rückzugsort schaffen. Wenn Betroffene ihre Trigger am Arbeitsplatz kennen, kann versucht werden, diese zu vermeiden. Insgesamt helfen folgende Veränderungen, das Migräne-Risiko zu reduzieren:
Engagement: Das dritte E bedeutet, dass Unternehmen aktiv etwas für Migräne-Betroffene tun und ihnen die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Dazu zählt, Migräne-Betroffenen Homeoffice und flexible Arbeitszeiten zu gewähren, die Menge an Kundenkontakten und Dienstreisen zu verringern und eine Vertretungsregelung einzuführen für Tage, an denen die Betroffenen nicht arbeiten können. Sowohl die Schweizer als auch die deutsche Patientenorganisation unterstützen Firmen dabei vielfältig. So bietet Migraine Action etwa eine Standort-Analyse, Seminare für Führungskräfte oder Betriebsärzte an, zudem Vorträge sowie Infomaterial.
Dass Veränderungen im Unternehmen hilfreich sind, zeigte ein Pilotprojekt der Firma Novartis, das sie mit Kopfschmerz-Experten für ihre über 12 000 Mitarbeitenden entwickelte. Die krankheitsbedingte Beeinträchtigung reduzierte sich nach sechs Monaten um 54 Prozent; die Betroffenen hatten fast elf Arbeitstage weniger Migräne. Neun von zehn fühlten sich insgesamt besser.
Betroffene in ihrem Unternehmen bei Stellen wie dem Betriebsarzt, dem betrieblichen Gesundheitsmanagement oder der Arbeitnehmervertretung. Anlaufstellen ausserhalb der Firma sind Sozialverbände wie Procap in der Schweiz oder der VDK in Deutschland.

Ursache für Migräne ist eine erbliche Veranlagung. Ob und wie häufig es zu Attacken kommt, hängt von den Lebensbedingungen und bestimmten Auslösern ab, die bei jeder und jedem Betroffenen andere sein können. Man bezeichnet sie als Trigger. «Unter ungünstigen Bedingungen kann eine Migräne am Arbeitsplatz deutlich zunehmen», ist die Erfahrung des Neurologen Dr. Gaul. «So können im Einzelfall die Anforderungen, beispielsweise viel Publikumsverkehr oder Schichtdienst, die Krankheit verschlimmern.»
Auf ihrer Website migraene-am-arbeitsplatz.de und in einer kostenlosen Broschüre zählt die MigräneLiga Deutschland mögliche Trigger am Arbeitsplatz auf. Dabei steht die Bildschirmarbeit laut einer wissenschaftlichen Umfrage mit 64 Prozent an erster Stelle.
Weitere Ursachen können sein:
Sie fühlen sich während Ihrer Migräne-Phasen am Arbeitsplatz ausgeschlossen? Machen Sie sich und den anderen klar: Auch die Kolleginnen und Kollegen zählen zu einer förderlichen Umgebung. Sind sie über die Krankheit informiert, steigt das Verständnis; es kommt seltener zu Stigmatisierung oder gar Mobbing.
Aus Angst davor, nicht ernst genommen zu werden, stigmatisiert zu werden oder die Kollegen über Gebühr zu belasten, schleppen sich viele Betroffene trotz einer Migräne-Attacke durch den Arbeitstag. Dies bezeichnet man als Präsentismus. Allerdings sind sie dann nicht voll leistungsfähig und neigen eher zu Fehlern. Laut einer Studie ist die durch Präsentismus verlorene Produktivität mindestens doppelt so hoch wie die Einbussen durch Fehlzeiten.
Experten raten davon jedoch davon ab, mit Migräne zu arbeiten: «Erhält das Gehirn nicht die notwendige Ruhe, erhöht dies das Risiko, dass die Migräne chronisch wird, also noch häufiger auftritt und die Attacken stärker werden», sagt PD Dr. Gaul. Es sei ratsam, zum Arzt zu gehen und die Migräne gut zu behandeln.
